Lajos Lencsés - Ein denkendes Schilfrohr

 

"Das denkende Schilfrohr" - dieser aus einem Gedicht von Blaise Pascal herrührende Titel, nimmt Lajos Lencsés als Motto für seine Memoiren. Das ursprünglich in französischer Sprache verfasste Gedicht "Pensées" ist nur eines von vielen, die ihn im Leben begleiten.

Bereits mit 15 Jahren schrieb er es nieder und nach über einem halben Jahrhundert inspiriert es Lencsés immer noch. Mit 75 beschreibt er nun selbst sein Lebenswerk und gibt Einblick in eine Person, die mehr ist als nur Oboist.

 


Obwohl er sich im Vorwort zu seinem Schreibstil eher klein macht, ist die Sprache sehr melodiös und gespickt von Zitaten und Gedichten. Thomas Mann, Baudelaire und viele andere umrahmen und ergänzen seine Lebensgeschichte und spiegeln sein breites Interesse in die Kunst auch jenseits der Musik wieder. Auch die zahlreichen Fotografien von Bäumen und verschlungenen Ästen begleiten den Leser und öffnen Ihn für ein breites künstlerischen Blick.

Liebevoll erzählt Lencsés von seinen Eltern und der Kindheit in Dorog, nahe Budapest. Der Gang in die Hauptstadt ans Konservatorium und später an die Franz Liszt Musikakademie ebnen seinen Weg und führen Ihn an die Oboe, die zu seinem Wegbegleiter durchs Leben wird. Sehr bescheiden schreibt er über seine Anfänge in der Philharmonia Hungarica und seinen Preis beim Musikwettbewerb in Genf, der ihm die Türen öffnet für mehr. Schon der nächste Schritt in sein Orchester, dem RSO in Stuttgart, führt ihn zu den großen Dirigenten wie Celibidache, Gelmetti und Norrington.

Viele Anekdoten erzählen von den Eigenarten der großen Künstler ohne respektlos zu werden. Selbst bei Kritik an großen Dirigenten bleibt er sachlich und ohne "vom Leder zu ziehen".

Umso gefühlvoller schreibt er dafür über "sein" Orchester, die vielen Konzerte und schließlich das letzte Konzert. Trauer mischt sich hinein, wenn es um die Fusion mit dem Zwillingsbruder in Freiburg geht. Ohne Namen zu nennen hat er hier klare Worte zur Kulturpolitik.

Ein besonderes Interesse entwickelte Lencsés für noch unbekannte Oboenliteratur. So beschäftigte er sich lang mit den Kompositionen Köchelins und spielte eine Vielzahl von Kammermusik und Solo-Literatur ein. Mit 80 CD's und 120 Oboenkonzerten ist er der Oboist mit den meisten Aufnahmen und hat viele vergessene Werke damit wieder zum Leben erweckt.

Die dem Buch beiliegende DVD zeigt ihn bei einem Konzert 1995 mit seinem Lieblingsoboenkonzert von Joseph Haydn, den Hummel Variationen und dem allseits bekannten Mozart Konzert. Begleitet vom Budapester Kammerorchester in Schloß Esterháza zeigt er auch hiermit seine enge Verbundenheit zur Heimat.

 

Ein so breit gefächerter Geist, der mit so viel Interesse durchs Leben geht, Künste, Literatur und Musik zusammenführt, darf als Vorbild gelten und mit seinen Memoiren Inspiration geben.

 

Nur ein Wehrmutstropfen bleibt, dass ein CD-Label hinter dem Buch steht und kein Verlag. Ein professionelles Lektorat hätte dem Buch gut getan. Viele Tippfehler wären mit einem einfachen Rechtschreibprogramm schnell aufgefallen. Dem Inhalt tut dies aber keinen Abbruch und macht das Buch sehr lesenswert.

 

Erschienen bei bayermusicgroup

163 Seiten, farbig

Hardcover

inkl. DVD

24€

ISBN 978-8533613447

 

Erhältlich bei Oboe-Shop

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